Jana Hammermann In the Name of Love (2012)
Ink, acrylic, oil paint on canvas
series, 12 pictures (30cm x 40cm) 1,20m x 1,20m
Paintings photographed by Oscar Oppermann (Berlin). (Thank you Oscar! :)

In der Serie In the Name of Love (2012-2013) geht es um Verlorenheit, Entfremdung und den Verlust von Nähe in einer Gesellschaft, die Liebe als sinnstiftend postuliert, in der Mehrzahl jedoch Lieblosigkeit und Kälte produziert. Die Serie besteht aus zwölf Bildern, die einzeln funktionieren, jedoch einem Gesamtzusammenhang zugehörig sind, innerhalb welchem sie wie eigenständige Puzzlesteine fungieren. In der Konfrontation von Schein mit Sein, von Illusion mit Realität sucht die Arbeit einen wirklichkeitsfernen, verkitschten Begriff von Liebe offenzulegen, der auf den Vorstellungen drittklassiger Liebesromane und Seifenopern basiert und so der Entfremdung und Kälte noch zuarbeitet anstatt diese zu bekämpfen.
Liebe wird in dieser Gesellschaft einerseits als unentbehrliches moralisches Gut gehandelt. Ein Mensch, der in seiner Kindheit keine Liebe erfahren hat gilt später oftmals als behandlungsbedürftig. Gleichzeitig und paradoxerweise werden Gefühle kaum geschätzt und weniger noch angeregt, obwohl kein Zweifel daran besteht, dass jedes schöpferische Denken wie jede schöpferische Leistung untrennbar mit Gefühlen verbunden sind. Da die gängigen Vorstellungen von Liebe jedoch auf einem vornehmlich fiktionalen Konstrukt beruhen, sorgt dieses in der Realität massenhaft für Unzufriedenheit. Den rosa(mundepilcher) eingefärbten Bildern sich liebender glücklicher Menschen aus einschlägigen Bestsellern steht eine Liebes- resp. Lebenswirklichkeit entgegen, die zwar jeden Tag jedermann widerfährt, nichtsdestotrotz zumindest nach außen hin verleugnet wird. Die Fiktion ist stärker als die Realität, der Wille zum Selbstbetrug und dem Betrug der anderen attraktiver als der Wille zur Wahrheit. Letzterer jedoch wäre die Vorrausetzung der Möglichkeit zur Änderung von Bestehendem.
Die Liebesunfähigkeit und der Mangel an Empathie ist das uneingestandene Charakteristikum dieser Gesellschaft, Adorno spricht gar von der Kälte als einem Grundzug der Anthropologie. Das Christentum hatte dies erkannt und die allumfassende Liebe ins Zentrum seiner Religion gestellt. Vergeblich, denn die Kälte wurde und wird von der gesellschaftlichen Ordnung produziert und reproduziert. Innere moralische Verwahrlosung und Liebesunfähigkeit ziehen sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Die Fremdheit und Gleichgültigkeit, die allerorten entgegenschlagen sind Produkte eines Systems, in dem Individuen von Beginn an einem maximalen Leistungs- und Konkurrenzdruck ausgesetzt sind, dem sie nur standzuhalten vermögen, indem sie sich unempfindlich machen gegenüber den Befindlichkeiten anderer. Überschattet von schlechten Arbeitsmarktprognosen und ökonomischen Zwängen werden selbst die Kleinsten der Kleinen frühzeitig in Bildungswettlauf und Leistungskampf geworfen, der sich als tödlich erweist für alles Zwischenmenschliche, für Wärme, Empathie und Altruismus. Liebe und Konkurrenz schließen einander fast immer aus.
Der Fremdheit, inneren Einsamkeit und Leere zwischenmenschlicher Beziehungen suchen die herangewachsenen Lieblosen nun zeitlebens ausgerechnet durch die Liebe zu entkommen. Adorno selbst noch hatte das Potential, der Kälte als der Modalität allen Unheils zu begegnen, im Privaten gesehen. Diese Hoffnung auf Ausweg vermag heute allenfalls in die Ausweglosigkeit zu führen. Da die eingegangen Beziehungen oft nicht mehr als reiner Selbstzweck sind und kaum einer etwas zu geben hat, für das er nicht dennoch das Doppelte einfordern würde, funktioniert keine dauerhaft. Denn auch im privaten Bereich regieren Unverbindlichkeit, Egomanie und Kälte. „Das Paar ist wie die letzte Stufe des großen, gesellschaftlichen Debakels. Es ist die Oase in der Mitte der menschlichen Wüste. In ihm wird unter dem heiligen Schutz »des Intimen« all das gesucht, was so offenkundig alle zwischenmenschlichen Beziehungen heutzutage verlassen hat: die Wärme, die Einfachheit, die Wahrheit, ein Leben ohne Theater und Zuschauer. Aber ist der Liebestaumel vorbei, dann lässt die »Intimität« die Hosen runter: Sie ist selbst eine soziale Erfindung, sie spricht die Sprache der Frauenzeitschriften und der Psychologie, sie ist wie der Rest bis zum Erbrechen voll mit Strategien. Es gibt darin nicht mehr Wahrheit als irgendwo sonst, denn auch hier herrschen die Lüge und die Gesetze der Fremdhaftigkeit“ (Unsichtbares Komitee, Der Kommende Aufstand, S. 23).
Ein Kind, ein Partner, eine Freundschaft muss sich in einer auf Effizienz und Kalkül angelegten Gesellschaft ebenso rentieren wie eine Investition in den Aktien- oder Immobilienmarkt. Freunde sollen nützlich sein, Kinder pflegeleicht und Partner nicht fordernd. Alles andere wird als Zumutung empfunden. Tauschhandel, Ökonomie und Rentabilität reichen bis tief ins Privateste hinein. Die Verstümmelungen im Privaten, welcher der Mangel an Liebe der der Mangel nahezu aller ist hervorruft, sind vielfältig. Die zunächst noch schmerzhaft erfahrene innere Isolation wird je länger der Einzelne der allumfassenden Kälte ausgesetzt ist sukzessive zu einer Art zweiten Haut, in der man es sich bequem macht, die sogar als Schutz empfunden wird. Im inneren Kälte-Vakuum spürt man keinen Schmerz mehr. Der vollzogene Selbstrückzug ist gleichzusetzen mit einer kompletten Selbstentfremdung. Bezeichnenderweise wird die hermetische Abriegelung des Gefühlsbereichs, die katastrophal ist, von der Gesellschaft oftmals positiv bewertet, mit ihr werden Unabhängigkeit und Stärke assoziiert. Tatsächlich bedeutet sie Kapitulation und die Fortsetzung von Kälte.
Obgleich die Kälte etwas ist, das tagtäglich viel eher erfahrbar ist als das Gegenteil, stehen die Liebe oder vielmehr die wirklichkeitsfremden Vorstellungen von ihr hoch im Kurs. Die Alltagskommunikation zeigt sich durchzogen von einer wahren Herzchen-Sintflut; das Symbol der Liebe wird gesimst, getwittert, gepostet, auf Häuserwände gemalt oder gedruckt auf Tassen, Schlüsselanhängern und Handtüchern verschenkt. Begleitend inflationär erfolgt der Gebrauch von Zitaten über die Liebe und öffentliche Liebes- und Freundschaftsbekundungen in sozialen Netzwerken. In the Name of Love ironisiert das Unechte dieser “Liebesbeweise”, persifliert deren Phrasenhaftigkeit und Redundanz, in dem sie sie mit den Alltagsgesichtern von Liebe kollidierten lässt  -“Love is evil!” (Slavoj Žižek). Die Portraits der Serie thematisieren, was im Namen und unter dem Denkmantel von Liebe tatsächlich geschieht: Leid, Verlassenheit, Fremdhaftigkeit, Leere, Warten, flüchtiger Sex, Langeweile, Selbstbetrug, Eigenliebe, Qual, Egomanie, Lüge, Schmerz, Passivität, Eifersucht, Einsamkeit, Kälte. Die Bilder geben das wieder, was Liebe tatsächlich hinter aller Herzchen-Fassade ist - eine gesellschaftliche Farce.

Jana Hammermann In the Name of Love (2012)

Ink, acrylic, oil paint on canvas

series, 12 pictures (30cm x 40cm) 1,20m x 1,20m

Paintings photographed by Oscar Oppermann (Berlin). (Thank you Oscar! :)


In der Serie In the Name of Love (2012-2013) geht es um Verlorenheit, Entfremdung und den Verlust von Nähe in einer Gesellschaft, die Liebe als sinnstiftend postuliert, in der Mehrzahl jedoch Lieblosigkeit und Kälte produziert. Die Serie besteht aus zwölf Bildern, die einzeln funktionieren, jedoch einem Gesamtzusammenhang zugehörig sind, innerhalb welchem sie wie eigenständige Puzzlesteine fungieren. In der Konfrontation von Schein mit Sein, von Illusion mit Realität sucht die Arbeit einen wirklichkeitsfernen, verkitschten Begriff von Liebe offenzulegen, der auf den Vorstellungen drittklassiger Liebesromane und Seifenopern basiert und so der Entfremdung und Kälte noch zuarbeitet anstatt diese zu bekämpfen.

Liebe wird in dieser Gesellschaft einerseits als unentbehrliches moralisches Gut gehandelt. Ein Mensch, der in seiner Kindheit keine Liebe erfahren hat gilt später oftmals als behandlungsbedürftig. Gleichzeitig und paradoxerweise werden Gefühle kaum geschätzt und weniger noch angeregt, obwohl kein Zweifel daran besteht, dass jedes schöpferische Denken wie jede schöpferische Leistung untrennbar mit Gefühlen verbunden sind. Da die gängigen Vorstellungen von Liebe jedoch auf einem vornehmlich fiktionalen Konstrukt beruhen, sorgt dieses in der Realität massenhaft für Unzufriedenheit. Den rosa(mundepilcher) eingefärbten Bildern sich liebender glücklicher Menschen aus einschlägigen Bestsellern steht eine Liebes- resp. Lebenswirklichkeit entgegen, die zwar jeden Tag jedermann widerfährt, nichtsdestotrotz zumindest nach außen hin verleugnet wird. Die Fiktion ist stärker als die Realität, der Wille zum Selbstbetrug und dem Betrug der anderen attraktiver als der Wille zur Wahrheit. Letzterer jedoch wäre die Vorrausetzung der Möglichkeit zur Änderung von Bestehendem.

Die Liebesunfähigkeit und der Mangel an Empathie ist das uneingestandene Charakteristikum dieser Gesellschaft, Adorno spricht gar von der Kälte als einem Grundzug der Anthropologie. Das Christentum hatte dies erkannt und die allumfassende Liebe ins Zentrum seiner Religion gestellt. Vergeblich, denn die Kälte wurde und wird von der gesellschaftlichen Ordnung produziert und reproduziert. Innere moralische Verwahrlosung und Liebesunfähigkeit ziehen sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Die Fremdheit und Gleichgültigkeit, die allerorten entgegenschlagen sind Produkte eines Systems, in dem Individuen von Beginn an einem maximalen Leistungs- und Konkurrenzdruck ausgesetzt sind, dem sie nur standzuhalten vermögen, indem sie sich unempfindlich machen gegenüber den Befindlichkeiten anderer. Überschattet von schlechten Arbeitsmarktprognosen und ökonomischen Zwängen werden selbst die Kleinsten der Kleinen frühzeitig in Bildungswettlauf und Leistungskampf geworfen, der sich als tödlich erweist für alles Zwischenmenschliche, für Wärme, Empathie und Altruismus. Liebe und Konkurrenz schließen einander fast immer aus.

Der Fremdheit, inneren Einsamkeit und Leere zwischenmenschlicher Beziehungen suchen die herangewachsenen Lieblosen nun zeitlebens ausgerechnet durch die Liebe zu entkommen. Adorno selbst noch hatte das Potential, der Kälte als der Modalität allen Unheils zu begegnen, im Privaten gesehen. Diese Hoffnung auf Ausweg vermag heute allenfalls in die Ausweglosigkeit zu führen. Da die eingegangen Beziehungen oft nicht mehr als reiner Selbstzweck sind und kaum einer etwas zu geben hat, für das er nicht dennoch das Doppelte einfordern würde, funktioniert keine dauerhaft. Denn auch im privaten Bereich regieren Unverbindlichkeit, Egomanie und Kälte. „Das Paar ist wie die letzte Stufe des großen, gesellschaftlichen Debakels. Es ist die Oase in der Mitte der menschlichen Wüste. In ihm wird unter dem heiligen Schutz »des Intimen« all das gesucht, was so offenkundig alle zwischenmenschlichen Beziehungen heutzutage verlassen hat: die Wärme, die Einfachheit, die Wahrheit, ein Leben ohne Theater und Zuschauer. Aber ist der Liebestaumel vorbei, dann lässt die »Intimität« die Hosen runter: Sie ist selbst eine soziale Erfindung, sie spricht die Sprache der Frauenzeitschriften und der Psychologie, sie ist wie der Rest bis zum Erbrechen voll mit Strategien. Es gibt darin nicht mehr Wahrheit als irgendwo sonst, denn auch hier herrschen die Lüge und die Gesetze der Fremdhaftigkeit“ (Unsichtbares Komitee, Der Kommende Aufstand, S. 23).

Ein Kind, ein Partner, eine Freundschaft muss sich in einer auf Effizienz und Kalkül angelegten Gesellschaft ebenso rentieren wie eine Investition in den Aktien- oder Immobilienmarkt. Freunde sollen nützlich sein, Kinder pflegeleicht und Partner nicht fordernd. Alles andere wird als Zumutung empfunden. Tauschhandel, Ökonomie und Rentabilität reichen bis tief ins Privateste hinein. Die Verstümmelungen im Privaten, welcher der Mangel an Liebe der der Mangel nahezu aller ist hervorruft, sind vielfältig. Die zunächst noch schmerzhaft erfahrene innere Isolation wird je länger der Einzelne der allumfassenden Kälte ausgesetzt ist sukzessive zu einer Art zweiten Haut, in der man es sich bequem macht, die sogar als Schutz empfunden wird. Im inneren Kälte-Vakuum spürt man keinen Schmerz mehr. Der vollzogene Selbstrückzug ist gleichzusetzen mit einer kompletten Selbstentfremdung. Bezeichnenderweise wird die hermetische Abriegelung des Gefühlsbereichs, die katastrophal ist, von der Gesellschaft oftmals positiv bewertet, mit ihr werden Unabhängigkeit und Stärke assoziiert. Tatsächlich bedeutet sie Kapitulation und die Fortsetzung von Kälte.

Obgleich die Kälte etwas ist, das tagtäglich viel eher erfahrbar ist als das Gegenteil, stehen die Liebe oder vielmehr die wirklichkeitsfremden Vorstellungen von ihr hoch im Kurs. Die Alltagskommunikation zeigt sich durchzogen von einer wahren Herzchen-Sintflut; das Symbol der Liebe wird gesimst, getwittert, gepostet, auf Häuserwände gemalt oder gedruckt auf Tassen, Schlüsselanhängern und Handtüchern verschenkt. Begleitend inflationär erfolgt der Gebrauch von Zitaten über die Liebe und öffentliche Liebes- und Freundschaftsbekundungen in sozialen Netzwerken. In the Name of Love ironisiert das Unechte dieser “Liebesbeweise”, persifliert deren Phrasenhaftigkeit und Redundanz, in dem sie sie mit den Alltagsgesichtern von Liebe kollidierten lässt  -“Love is evil!” (Slavoj Žižek). Die Portraits der Serie thematisieren, was im Namen und unter dem Denkmantel von Liebe tatsächlich geschieht: Leid, Verlassenheit, Fremdhaftigkeit, Leere, Warten, flüchtiger Sex, Langeweile, Selbstbetrug, Eigenliebe, Qual, Egomanie, Lüge, Schmerz, Passivität, Eifersucht, Einsamkeit, Kälte. Die Bilder geben das wieder, was Liebe tatsächlich hinter aller Herzchen-Fassade ist - eine gesellschaftliche Farce.